Sicherheit
In Zeiten globaler Spannungen ist «Sicherheit» zum allgegenwärtigen Schlagwort geworden. Regierungen und Organisationen rufen Aktionen ins Leben, um sie zu schaffen – und riskieren dabei paradoxerweise meist die Sicherheit der Beteiligten. Alle sehnen sich nach Sicherheit, doch diese ist nie absolut. Wer Sicherheit will, muss Risiken eingehen.
Sicherheit als Wert
Aus ethischer Sicht ist Sicherheit ein ambivalenter Wert:
- Sicherheit ermöglicht Freiheit und Entfaltung, gleichzeitig kann sie aber auch Freiheit und Selbstbestimmung einschränken.
- Sicherheit schützt vor körperlichem Schaden, Bedrohung und existenziellen Risiken und ist damit Teil von Wohlbefinden und einem guten Leben.
- Sicherheit ist in modernen Staaten Teil der staatlichen Verpflichtung gegenüber den Bürger:innen. Diese übergeben dem Staat bestimmte Befugnisse.
Mitarbeiter:in der HfH: «Sicherheit ist für mich, in der Schweiz daheim zu sein, wo ich ein privilegiertes Leben führe und mich frei äussern kann, ohne negative Konsequenzen befürchten zu müssen.»
Sicherheit muss aus ethischer Sicht sorgfältig reflektiert werden, denn es gibt durchaus moralisch kontroverse Debatten um:
- Freiheit und Sicherheit: Sicherheitsmassnahmen (Überwachung, Kontrolle, Datensammlung) eröffnen Handlungsspielräume, beschneiden aber zugleich Bewegungsfreiheit, Privatsphäre und Autonomie.
- Menschenwürde und Grundrechte: Bestimmte Werte, vor allem Menschenwürde, dürfen auch zugunsten von Sicherheit nicht geopfert werden; sie gelten als unantastbare Grenze.
- Verteilungsgerechtigkeit: Die Lasten von Sicherheitsmassnahmen (Kontrollen, Verdächtigungen) treffen oft bestimmte Gruppen stärker als andere.
- Individuum oder Gruppe/Gesellschaft, wessen Sicherheit höher zu gewichten sei.
Oder im Rahmen der Angewandten Ethik, etwa bei Künstlicher Intelligenz, Gentechnik, autonomen Waffen oder medizinischer Versorgung.
Mitarbeiter:in der HfH: «Sicherheit ist für mich, im Eventmanagement Verantwortung zu übernehmen und Risiken früh zu erkennen. Gleichzeitig geht es darum, nicht alles unnötig zu verkomplizieren. Entscheidend ist für mich, dass sich möglichst alle Menschen im Rahmen der Veranstaltung wohlfühlen und sich auf Inhalte und Begegnungen einlassen können.»
Was denkst du:
- Welches «Gut» muss geschützt werden?
- Wie weit dürfen Technologien/Massnahmen zur «Wahrung der Sicherheit» in deinem Alltag gehen, damit sie verhältnismässig, wirksam und gerecht bleiben und deine Grundrechte wahren?
- Wer ist verantwortlich für deine Sicherheit, für dein gutes Leben?
Mitarbeiter:in der HfH: «Sicherheit ist für mich, ein Gefühl, welches ich besonders kostbar empfinde, wenn es fehlt, z.B. in Momenten der Unsicherheit im Beruf, im Privaten oder in der Politik.»
Spricht man von Sicherheit, muss man über Risiko sprechen
Der Begriff Risiko bedeutete wohl ursprünglich das Umschiffen einer Klippe. Genauso wie im alltäglichen Sprachgebrauch bedeutet Risiko aus ethischer Sicht die Möglichkeit, dass ein Schaden auftreten wird, die Wahrscheinlichkeit eines unerwünschten Ausgangs. Damit verbunden ist schnell eine Kosten-Nutzen-Analyse: «Die Aufgabe der Ethik ist es, situationsbezogene Argumente für den richtigen Umgang mit Unsicherheiten und Risiken vorzubringen» (Gottschalk-Mazouz, 506). Brisant ist dabei, dass ein Risiko meist mehrere Betroffene einschliesst. Dabei können Betroffene unterschiedliche Stakeholder sein: Menschen, Tiere, Umwelt, usw.
Ethik fragt, unter welchen Bedingungen es moralisch zulässig ist, sich selbst oder andere diesen möglichen Schäden auszusetzen (z.B. ob der erwartete Nutzen den möglichen Schaden rechtfertigt, ob die Betroffenen zustimmen, ob die Lasten fair verteilt sind). Risiko aus ethischer Perspektive ist die Unsicherheit über mögliche, moralisch bedeutsame Schäden und Vorteile von Handlungen – und die normative Frage, welche Risiken wir verantwortbar eingehen und/oder anderen zumuten dürfen.
Gedankensplitter: Stell dir vor, du besitzt eine gezinkte „magische Lawinenmünze“. Auf der einen Seite der Münze steht eine „L“ für Lawine, auf der anderen Seite ein „S“ für sicher. Was die Lawinenmünze magisch macht, ist, dass sie eine 80-prozentige Treffsicherheit hat. Das bedeutet, dass wenn eine solche magische Münze geworfen wird, sie spezifisch lawinengefährdete Hänge relativ zuverlässig erkennt und im Durchschnitt vier von fünf Mal auf „L“ landet; dasselbe gilt für „S“ bei sicheren Hängen. Nun stell dir vor, deine zwei Skipartner:innen haben beide ihre eigene magische Münze mit der gleichen Treffsicherheit. Ihr wisst auch, dass die Münzen sich nicht gegenseitig beeinflussen und somit unabhängig voneinander sind. Sollte man am Gipfel einfach nur eine Münze werfen oder macht es Sinn, alle drei Münzen zu werfen und dann die Mehrheitsentscheidung dieser drei Münzen zu benutzen? (Ebert, Zweifel, 2022-23)
Siehe dazu das Phänomen des „Wisdom of Crowds“ oder der kollektiven Intelligenz (Vgl. Surowiecki, 2004).
Mitarbeiter:in der HfH: «Sicherheit ist für mich das gute Gefühl getragen zu sein von Menschen, auf die ich mich verlassen kann.»
Sicherheit, Vertrauen und Verantwortung
Aus ethischer Sicht bilden Sicherheit, Vertrauen und Verantwortung ein untrennbares Geflecht, welches das Fundament menschlichen und gesellschaftlichen Handelns darstellt. Verantwortung bedeutet, die Folgen des eigenen Tuns bewusst zu übernehmen – nicht nur gegenüber sich selbst, sondern auch gegenüber anderen. Dieses verantwortungsbewusste Handeln schafft die Grundlage für Vertrauen, denn Vertrauen entsteht dort, wo Menschen Verlässlichkeit und Integrität erfahren. Sicherheit wiederum ist das Ergebnis dieses Vertrauens: Sie wächst, wenn Individuen und Gemeinschaften wissen, dass Verantwortung ernst genommen und Vertrauen nicht missbraucht wird. Ethisch betrachtet entfalten sich diese drei Werte in gegenseitiger Abhängigkeit – ihr Zusammengehen ermöglicht eine stabile, gerechte und menschliche Gesellschaft.
Mitarbeiter:in der HfH: «Sicherheit ist für mich die Verantwortung der Gesellschaft, niemanden zu vergessen.»
Quellen
- Ebert, P., Zweifel, B. (winter 22-23): Wisdom of crouds. bergundsteigen #121. Seite 33.
- Gottschalk-Mazouz, N. (2011): Handbuch Ethik. J.B. Metzler. Seite 506.
- Suroviecki, J. (2004): The wisdom of crouds. Ancor.